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Gedanken zum 1. Mai

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1.Mai, Tag der Arbeit. Die Dreifaltigkeit unserer schönen neuen Wirtschafts- und Arbeitswelt lautet: Belügen - Ausnutzen - Abzocken. Vielleicht sollte man bei Wirtschaftsbossen, Arbeitgeberverbänden, Leiharbeitsfirmen, etc. ebenfalls den Aushang von Kreuzen verordnen, um der Scheinheiligkeit vollends die Krone aufzusetzen. Treffend beschreiben nun diese um 1820 formulierten Worte Schopenhauers, wie es um unsere “beste aller möglichen Welten” und der Plage “Mensch” bestellt ist.

Gemeinhin wird die Philosophie Schopenhauers als radikaler Pessimismus bezeichnet, ja gleichsam ihrer zum Vorwurf ausgeprochen. Ich aber sage: er durchschaute die Maskeraden, den Jahrmarkt der Eitelkeiten, das Schellengeläut der Narren. Seine nüchternen Beobachtungen schöpfte er aus mannigfaltigen persönlichen Erfahrungen mit Menschen, aus Erlebnissen von vielen Reisen. Bereits als jugendlicher sah er mit Grausen am Leiden von Galeerensklaven in einem französischen Hafen, wozu der Mensch fähig ist.

In seinen Vorlesungen warnte er davor, junge Menschen glauben zu machen “die anderen seien vortrefflich”. So sei es besser, den Unerfahrenen "mit Vorsicht und Klugheit gewaffnet in die Welt zu schicken. Dieser brauche so nicht erst durch bittere Erfahrungen von der Falschheit der Vorspiegelungen des Lehrers überführt zu werden, und so gar zur Einsicht gelangen, dass "der Lehrer der erste Betrüger war, auf den sie stießen."

Nahtlos knüpft hieran der Rat aus seinem Alterswerk:  man solle sich davor hüten, "das Denken und Tun seiner Mitmenschen nach dem eigenen zu berechnen", sondern vielmehr höchste Vorsicht walten lassen, "dass man sich nicht zu seinem Schaden verrechnet.”

Demgemäß ist letztendlich abermals Schopenhauers Empfehlung der Weisheit letzter Schluss: “Weder lieben noch hassen” enthält die Hälfte aller Weltklugheit, “nichts sagen und nichts glauben” die andere Hälfte. Freilich aber wird man einer Welt, welche Regeln wie diese (…) nötig macht, gern den Rücken kehren.

Quelle: Arthur Schopenhauer: Vorlesungen Universität Berlin, 1820 / Aphorismen zur Lebensweisheit

Analyse vom Akzeptieren

"Man muss den anderen so akzeptieren wie er ist.” Eine Analyse und scharfe Kritik.

Leibniz bemerkte schon ehedem: "Kraft des Satzes vom zureichenden Grunde nehmen wir an, dass keine Tatsache wahr oder wirklich, kein Urteil richtig sein kann ohne ausreichenden Grund dafür.”

Die große Gefahr in der Demagogie besteht darin, dass ich mit abstrakten Begriffen umherwerfe, damit vermeintlich allgemein gültige Regeln aufstelle und so Menschen zu meinen Interessen beinflussen kann - und gemeinhin geben solche Aussprüche an der "leeren Höhlung von tausend Dummköpfen ein nachhallendes und sich fortpflanzendes Echo.” (Schopenhauer)

Wo immer also mit der Miene eines begeisterten Schafes bestimmte Postulate aufgestellt werden, sollten wir diese einer strengen Prüfung unterziehen. Ich wähle als Beispiel eine Aussage, die ich auf den unterschiedlichsten Bühnen des Lebens sehr häufig zu hören bekam:

"Man muss den anderen so akzeptieren wie er ist."

Der ist halt so - bzw. du weißt doch wie er ist, du kennst ihn doch. Manches mal wird dies sogar noch in einem Ton der Bewunderung ausgesprochen, als ob man gar selbst gerne so wäre, ja insgeheim die z.B widerwärtigen Eigenschaften bewundert, worunter andere  leiden…gerne wird noch hinzugesetzt:…”er/sie meint es gar nicht so…..” oder  “er hat Ecken und Kanten”, was oft gleichbedeutend ist mit “er führt sich auf wie die Axt im Wald.”

 Zurück zu unserer Analyse:

Abstrakte Begriffe haben eine sehr weite Sphäre und keinen ihnen eigenen Erkenntnisgrund: Beginnen wir mit “man” und “andere”:

Wer ist man ? Und wer ist der andere ? Bin es ich oder du? Ist es jedermann ? Sind es die Leute, die Gesellschaft, die Öffentlichkeit, die Menschheit ?

Wenn ich nun aber abstrakte Begriffe mit einem Imperativ verbinde und daraus eine Regel ableite, kann sich dies schnell allgemeingültig bzw. vernünftig anhören:

Untersuchen wir den Imperativ “muss”:
Muss:  einem von außen kommenden Zwang zur Folge?  nach welcher Regel, nach welchem Gebot oder Gesetz ? Aufgrund innerer Verpflichtung ? Schwingt eine Drohung mit ? (Du musst, sonst….) Was passiert, wenn ich nicht möchte ? Wer kontrolliert das ? Wer sagt das ? Wer befiehlt?

Und weiter: 

Was muss ich tun, um den anderen so zu akzeptieren wie er ist ?
Muss ich mir dann alles von ihm gefallen lassen?
Muss ich die andere Wange hinhalten?
Muss sich eine Frau begrapschen lassen, weil “Männer halt so sind” ?
Muss ein Messdiener die Zudringlichkeiten oder Gewaltausbrüche von seiner Scheinheiligkeit akzeptieren, nur weil es diesen “halt auch mal überkommt?"
Muss sich ein Kind in der Schule alles von einem selbstbewussten Kamerad gefallen lassen, muss es sich nach Herzenslust quälen lassen, weil dieser andere halt so ist und seine Natur ausleben muss?
Muss ich mich vom Arbeitskollegen ausnutzen lassen, weil er halt gerne ein wenig faul ist? 
Muss ich mich vom Chef schikanieren und von Kollegen mobben lassen, weil Menschen halt so sind?
Muss ich mich vom anderen herabsetzen lassen, damit die Person sein Ego befriedigen kann, weil sie “halt ist wie sie ist”?
Muss ich ideologische Bekehrungsversuche, religiös oder politisch, akzeptieren ?
Muss ich andere akzeptieren, die mich nicht akzeptieren?
Muss ich mir stundenlanges Hetzen gegen andere von anderen, die ja gerade selbst fordern, den anderen zu akzeptieren, anhören?
Muss ich mich in Gesellschaften begeben, wo man andere akzeptieren muss?

Wie eingangs erwähnt steht dieses Beispiel stellvertretend für viele Postulate, wie sie gerne eben als allgemeingültig formuliert werden, sei es in der Politik, am Arbeitsplatz oder im Privatleben. Hier gilt es genau hinzusehen, ob  nicht bloß Motive untergeschoben werden sollen, um das Handeln einem fremden Willen gemäß zu manipulieren. Muss sich nun die böse Welt exklusiv für mich ändern ? Keineswegs. Aber ich darf mich, wo irgend möglich, von einem jeglichen Pack fernhalten.

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Herlinde Koelbl - Mein Blick

Bei der Fotografin Herlinde Koelbl steht der Mensch auf besondere Weise im Mittelpunkt. Sie begegnet jedem einzelnen mit besonderem Respekt und erarbeitet sich ein ganzheitliches Wissen rund um das jeweilige Thema - eine gründliche Arbeit, die durchaus mehrere Jahre für ein Projekt in Anspruch nehmen kann und dem Trend der Zeit geradezu gegenläufig ist.

Zum Thema Facebook sagt sie folgendes: "Ich bin nicht auf Facebook, ich mache das in dem Sinne nicht mit. Alles was in diesen “schnellen” Medien ist, wird auch ganz schnell wieder vergessen.” Die Überlegung, 'wie kommt etwas an', oder 'was muss ich tun, damit etwas ankommt, oder was könnte jetzt der Trend sein' hält sie mit der Essenz des Werkes für nicht verträglich.

Diesen Betrachtungen können wir heute uneingeschränkt zustimmen, mehr noch: der Respekt vor Urheber und Werk verschwindet, die Veröffentlichung vieler Bilder in diesem Medium kann oft auch noch zu viel Ärger und Problemen führen. Einem Wettlauf mit dem Zeitgeist werden wir uns auch fernerhin nicht unterwerfen.

Kurzentschlossene können die Ausstellung “Mein Blick” noch bis zum 25.03. im Stadtmuseum zu Erlangen bewundern.

 Stadtmuseum Erlangen

Stadtmuseum Erlangen

Arthur Schopenhauer - zum 230. Geburtstag.

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Am 22. Februar 1788 wurde Arthur Schopenhauer in Danzig geboren. Noch nie zuvor stieß ich auf einen Autor, dessen Werk mich so unmittelbar ansprach und mich im Innersten berührte, der meine ureigenen Erlebnisse und Erfahrungen auf diesem Erdball im Spiegel seines Wortes sichtbar machte.

Ja, sein Werk gleicht fürwahr einem "Schweizer See, der, durch seine Ruhe, bei großer Tiefe große Klarheit hat”, so drückte er es selbst in seiner Dissertation aus (1).

Lassen wir nun aber an diesem seinem Ehrentage ebenfalls große Geister aus der Vergangenheit gratulieren:

 

“Ich gehöre zu den Lesern Schopenhauers, welche, nachdem sie die erste Seite von ihm gelesen haben, mit Bestimmtheit wissen, dass sie alle Seiten lesen und auf jedes Wort hören werden, das er überhaupt gesagt hat.” - Friedrich Nietzsche
 
“Zur Anleitung für ein selbstständiges Beschreiten der Wege wahrer Hoffnung kann nach dem Stande unserer jetzigen Bildung nichts anderes empfohlen werden, als die Schopenhauersche Philosophie in jeder Beziehung zur Grundlage aller ferneren geistigen und sittlichen Kultur zu machen.” - Richard Wagner
 
“Die Philosophie Arthur Schopenhauers ist immer als hervorragend künstlerisch empfunden worden (…) weil ihre Komposition von so vollendeter Klarheit, Durchsichtigkeit, Geschlossenheit, ihr Vortrag von einer Kraft, Eleganz, Treffsicherheit, einem leidenschaftlichen Witz, einer klassischen Reinheit und großartig heiteren Strenge des Sprachstils ist, wie dergleichen nie vorher in deutscher Philosophie gewahrt worden war.” Thomas Mann
 

 Ich darf abschließend sagen, dass die fortgesetzte Beschäftigung mit seinem Schaffen allmählich fast zu einer persönlichen Lebensaufgabe gedeiht. Möge es gelingen, sein Werk und sein Andenken zum Wohle und zur Erbauung vieler an die ihm zukommende Stelle zu rücken.

Zitate: 

(1) Dissertation: Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde.

Quelle Autorenzitate: "Über Schopenhauer", Diogenes Verlag, ISBN 3 257 20431 0

Max Frisch - Der Dokumentarfilm "Citoyen"

Warum schreibe ich? Um die Welt zu ertragen.
— Max Frisch
 Bild: Max Frisch ca. 1974. Quelle: Comet Photo AG Zürich. This file is licensed under the  Creative Commons   Attribution-Share Alike 4.0 International  license. Linkt to source:  http://doi.org/10.3932/ethz-a-000654914

Bild: Max Frisch ca. 1974. Quelle: Comet Photo AG Zürich. This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license. Linkt to source: http://doi.org/10.3932/ethz-a-000654914

Meine erste Berührung mit Max Frisch fand vor etwa 30 Jahren in Form der Schullektüre "Biedermann und Brandstifter" statt. Lange lag das Buch vergessen im Regal, und vielleicht mussten so viele Jahre vergehen, vielleicht musste ich selbst viel sehen und erleben, um dieses Werk in seiner Tiefe zu erfassen.

Der Zufall fügte es nun, dass mir bei einem Bibliotheksbesuch der Film “Citoyen" in die Hände viel. Dieses berührende Frisch-Portrait und zugleich Stück Zeitgeschichte möchte ich gerne empfehlen, da so vieles auf heutige Verhältnisse zu passen scheint und sich die Geschichte augenscheinlich in ewig gleichen Variationen wiederholt.

Schon zu Beginn des Filmes ergreift der große Politiker Helmut Schmidt das Wort, und das Adjektiv "groß" verwende ich höchst selten bei einem Politiker. Er hebt die Notwendigkeit von Intellektuellen für eine Gesellschaft auf der Suche nach Wahrheit und einem eigenen Urteil hervor, so pflegte er regen Kontakt zu den Denkern jener Zeit, neben Max Frisch auch zu Günter Grass und Heinrich Böll. 1977 traf sich Schmidt mit dem Schriftsteller einen Tag vor der Erstürmung der von RAF-Terroristen entführten Maschine "Landshut".

Die mit Originalaufnahmen dokumentierte Zeitreise führt uns von Züricher Jugendtagen über schwere Kriegsjahre. 1948 trifft Frisch sich mit Berthold Brecht, später wird er ihn als den "Größten, dem ich begegnet bin" bezeichnen.

 "Frisch spricht der Nation ins politische Gewissen” formuliert Günter Grass. Er tut dies 1966, als viele Fremdarbeiter in die Schweiz kommen, 1967 anlässlich von Jugendprotesten, er trifft sich mit Henry Kissinger zu Gesprächen bei Ausbruch des Vietnamkrieges.

Der Krieg geht uns in höchstem Maße an, gerade auch wenn er uns verschont.....unser Glück ist ein scheinbares; wir sind nicht imstande, es wirklich zu genießen inmitten eines Leichenfeldes, am Rande einer Folterkammer, wir hören die Schreie, aber wir sind es nicht selber, die schreien, wir selber bleiben ohne Tiefe des erlittenen Leides, aber dem Leiden zu nahe, um lachen zu können...
— Max Frisch

Auch wird in der Dokumentation ein pikantes Detail nicht verschwiegen: dem Schweizer Staatsschutz war wohl die öffentliche Teilnahme des Schriftstellers am Zeitgeschehen so verdächtig, dass er jahrelang beobachtet und eine "Geheimakte Frisch" angelegt wurde....

Am 4. April 1991 ist Max Frisch in Zürich verstorben. Wenn wir nun heute, 27 Jahre später, auf Kriege in nächster Nähe und auf politische Um- und Zustände blicken, erscheint die Lernfähigkeit des Menschen höchst begrenzt.

Das Schlußwort möchte ich Max Frisch überlassen, obwohl dieses Interview schon viele Jahre her ist, könnte es gestern gewesen sein:

Wir kommen wieder in eine Wettergegend, wo der Intellektuelle verpönt ist...er ist nicht einer, der gescheiter ist als die anderen, diese Arroganz fällt aus..er will die Wahrheit wissen. Der Politiker muss das liefern, was die Industrie möchte..es geht primär um den Erhalt von Privilegien, die Wahrung von Interessen, die Unterdrückung von Wahrheit...
— Max Frisch

Quelle Zitate: Film "Citoyen", Suhrkamp 2009