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Die jüdische Gemeinde in Hof

"Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?“ So beginnt die von Thomas Mann verfasste Tetralogie „Joseph und seine Brüder.“  Ein treffender Satz für ein Volk, dessen Geschichte etwa 3000 Jahre alt ist.

Je tiefer man in diesen Brunnen blickt, um so mehr offenbart sich eine reiche Kultur: man findet beispielsweise die sprichwörtliche „Salomonischen Weisheit“, entdeckt für die damalige Zeit weitreichende Gedanken zu Ethik und Ernährung und staunt über die Studierstuben der Talmudschulen, in welchen der Geist anspruchsvoll geschliffen wird.

Bilbiotheken, Leseräume, alte Schriften haben mich jeher fasziniert. So recht aufmerksam auf das Judentum in Hof wurde ich , als wir bei Stadtführungen auf die Judengasse hingewiesen wurden.

Wir bedanken uns sehr bei Herrn Rabbiner David Goldberg, der uns mit Herzlichkeit und Offenheit in der Hofer Synagoge empfing und geduldig unsere Fragen beantwortete. Ein weiteres Dankeschön geht an den Leiter der Stadtbibliothek in Hof, Herrn Peter Herold, der uns mit wichtigen Literaturhinweisen unterstützte.

Möge die Beschäftigung mit dieser Kultur Vorurteile abbauen und zum Frieden und zur Verständigung untereinander Beitragen.

Wir beginnen unser Gespräch mit einem Streifzug durch die Geschichte der Juden in Hof. Aufzeichnungen aus der Zeit des Mittelalters erwähnen um 1412 eine „Judengasse“, eine Synagoge bereits im Jahre 1373. Ein erstes dunkles Kapitel öffnet sich 1515: Durch die Weigerung, die damals üblichen Karfreitagsabgaben zu bezahlen, kam es zu Plünderungen und Vertreibung. Erst in der zweiten Hälfte des 19.Jh. siedelten sich wieder Juden in Hof an, 1892 wurde ein „Synagogen-Verein“ gegründet und um 1900 ein Betsaal im Hinterhaus der Ludwigstraße 24 eingerichtet.

Am 18. Dezember 1927 wurde feierlich eine Synagoge in der Hallstraße 9 eingeweiht. Im November 1938 wurde dieses jüdische Gotteshaus von den Nationalsozialisten zerstört. Der einzig erhaltene Gegenstand aus dieser Zeit ist eine kleine Thorarolle. Ein 9-jähriges Mädchen rette diese damals aus den Flammen und versteckte sie vor den Nazis. Der Name dieses Mädchens: Doris Weber. Sie war später lange Jahre Bürgermeisterin der Stadt Hof. Die Thorarolle wurde in Israel restauriert und wird heute noch in der Hofer Synagoge verwendet.

Seit 1983 finden wir an dieser Stelle am Hallplatz eine Gedenktafel. Jedes Jahr findet am 09. November eine Gedenkstunde zur Progromnacht statt.

„Wir sind uns immer der Vergangenheit bewußt, aber wir richten unseren Blick von dieser Stelle der Trauer und des Leides aus auch in die Zukunft. Wir lernen offen zu sein für alle, die guten Willens sind. Wir beten darum, dass Frieden bleiben möge, und nie mehr das, was man Rassenhaß nennt, seinen Schatten über dieses Land wirft. (Wolf Weil, von 1945 - 1988 Vorsitzender der Hofer Synagoge am 12. Dezember 1983; Quelle: „Kultur und Lebensweise der Juden in Hof seit dem Ausgang des 19. Jahrhunders“ von Sigird Frieidrich-Wössner)

 Dadurch wuchs dringend der Bedarf an Rabbinern zur Betreuung der gewachsenen Gemeinden. Dem Aufruf in Israel folgte auch Herr Rabbiner David Goldberg. „Eigentlich wollte ich nicht unbedingt nach Deutschland," erzählt er lachend. Ich willigte aber dann doch ein, erstmal für ein halbes Jahr."

Sein Weg führte ihn von Ostberlin über  Straubing schließlich nach Hof. „Seit 1997 bin ich nun hier tätig, nunmehr schon 18 Jahre lang."

Eine Frage stellen wir unseren Interviewpartnern meistens, so fragen wir auch Herrn Rabbiner Goldberg: was Bedeutet Heimat für Sie ?

„Ich bin in Jerusalem aufgewachsen, meine Familie lebt seit 6 Generationen dort. Selbstverständlich fühle ich mich hier in der Gemeinde zuhause. Ich habe auch sehr guten Kontakt zu anderen Religionsgemeinschaften in Hof, z.B. zu dem Dekan der evangelischen Kirche.  Mir fehlt jedoch ein wenig die Atmosphäre Israels, dort fühlt man schon Wochen vor hohen Feiertagen eine ganz besondere Stimmung. Auch vermisse ich meine Kinder und Enkelkinder. Mehrmals im Jahr bin ich deshalb in Jerusalem."

Wesentliche Bestandteile des Jüdischen Glaubens ist die Thora und der Talmud.

„Die Thora umfasst die in christlichen Übersetzungen als ersten 5 Bücher Moses bekannten Schriften.  Wort Thora bedeutet etwa „Weisung“ oder „Gebot“. „Sehr problematisch ist die Übersetzung aus dem Hebräischen“, erklärt Rabbiner Goldberg. Ein Wort im Hebräischen kann je nach Zusammenhang viele verschiedene Bedeutungen haben, das bezieht sich ebenso auf die Grammatik von Verben in Bezug auf Zukunft und Vergangenheit.“

Viele Hebräische Einflüsse finden wir in der deutschen Sprache. Einerseits Namen wie z.B. Daniel, Jakob oder Hannah. Über das Jiddische gelangten viele Begriffe wie Schlamassel, Reibach, ein guter Rutsch, Kaff oder Maloche in den deutschen Sprachgebrauch.

Sehr bekannt ist auch der Ausspruch „Jemandem die Leviten lesen“. Dies bezieht sich auf das 3. Buch Mose mit der Bezeichnung „Leviticus“. In diesem Buch finden sich 337 Gesetze.  Diesführt uns weiter zur Erklärung des Talmud.

Diese Vielzahl an Gesetzen wurden zuerst mündlich ausgelegt, erklärt und von Generation zu  Generation weitergegeben. Damit dieses Wissen nicht verloren ging, schrieb Jehuda ha-Nasi das Kernstück des Talmud, die Mischna, im etwa 2.Jh. unserer Zeitrechnung auf. Diese Basis wird wiederum eingerahmt von Analysen und Kommentaren vieler Gelehrter („Gemara" genannt). Sehr bekannt ist der Gelehrte Raschi, der im 11.Jh. in Worms wirkte, seine Bibelkommentare werden bis heute von verschieden Religionen studiert. Eine Lebenszeit reicht nicht aus, um den Umfang des Talmuds komplett zu studieren“, erläutert Rabbiner Goldberg.

Was können Sie uns zu wichtigen Jüdischen Bräuchen erzählen ?

„ Der Sabbat ist bei uns der siebte Wochentag, der Samstag. An diesem Tag soll alles vermieden werden, was Stress mit sich bringt, beispielsweise Fernsehen, Handy, Computer, Autofahren. Auch werden alle Speisen vorbereitet, dass die Frau ebenso die Ruhe und Gemeinschaft mit der Familie genießen kann. Bei dem Stress unserer Tage ist diese Entspannung für die Psyche sehr wichtig.

Es gibt noch viele andere hohe Feiertage, zum Beispiel das Neujahrsfest, Rosch ha-Schana, feiern wir nach unserer Zeitrechung - der Kalender richtet sich nach dem Mond -  im September 

Herr Rabbiner Goldberg, wir bedanken uns sehr Herzlich für diesen Einblick in Ihre Geschichte, Traditionen und Lebensweise.

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