Blog

Wagners Shakespeare

Wir bedanken uns sehr herzlich bei der Anthroposophischen Gesellschaft Hof für diese - wohlgemerkt kostenfreie - Veranstaltung.

Unser kurzer Bericht ist nur die Spitze des Eisberges, möchte Interesse wecken und andere, vielleicht neue, Blickwinkel eröffnen.

Der Vortrag des Kulturpublizisten Dr. Frank Piontek hinterließ bei uns einen bleibenden Eindruck. Der Philosoph Schopenhauer formulierte einst, dass der Betrachter einer Kunst nur soviel davon fasse, als es seine Fähigkeit und Bildung zuließe, "wie ins tiefe Meer jeder Schiffer sein Senkblei so tief hinablässt, als dessen Länge reicht”(1). Blickt man nun auf die Vita von Dr. Piontek, wird dessen enorme Wissenstiefe erklärbar: u.a. Buch und Aufsätze über Wagner, Theaterautor, Regiehospitanzen an der Dresdner Semperoper und Wiener Staatsoper.

"Ein jeder Meister steht auf den Schultern seiner Vorgänger”, erläuterte Dr. Piontek. Im Falle Wagners seien Shakespeare im sprachlichen und Beethoven im musikalischen Bereich zu nennen. Kein anderer Künstler der Sprache habe das Werk des Komponisten so sehr beeinflusst wie Shakespeare.

Man stelle sich vor: mit 17 Jahren verfasste der junge Richard Wagner bereits ein 5-stündiges Bühnenstück. Dieses enthielt Motive aus 11 Dramen Shakespeares und für solch ein Lebensalter erstaunlich tiefgründige Gedanken über das Dasein. Möge sich jeder selbst prüfen, wie weit der eigene Horizont in dieser Lebensphase reichte... 

Spannend ist auch die Beschäftigung mit dieser Zeit, ja mit dem “Zeitgeist” jener Epoche. Im ersten Drittel des 19.Jahrhunderts wurde Shakespeare geradezu “eingemeindet”, neben Goethe und Schiller als “dritter deutscher Klassiker” bezeichnet. Die ungebrochene Faszination an dessen Werk, so Piontek, läge daran, dass Shakespeare in seinen Dramen keine “Abziehbilder” sondern Menschen aus Fleisch und Blut geschaffen habe, also komplexe Charaktere wie im “richtigen” Leben, die nicht ausschließlich “gut" oder “böse" sind.

Dr. Frank Piontek griff weitere Beispiele des Shakespearschen’ Einflusses heraus. Im dritten Akt des “Siegfried” werde die “gewaltigste Sturmszene der Opernliteratur” dargeboten, musikalische Leitmotive dramatisch übereinander geschichtet. Eine vergleichbare Szene finden wir im "König Lear” beim Zusammentreffen des halb wahnsinnig gewordenen Königs mit dem Bettler Arm-Tom.

Ebenfalls wären die “Meistersinger von Nürnberg” ohne den englischen Dramatiker nicht denkbar gewesen. "Elementar vorhanden” seien Motive aus “Ein Sommernachtstraum”, besonders offenbare dies die Inszenierung von Wieland Wagner aus dem Jahre 1963.

Gleichviel bemerkenswert ist die schriftstellerische Tätigkeit Wagners, beispielgebend seien die 1840 in Paris verfasste Schrift “Eine Pilgerfahrt zu Beethoven” oder das Essay “Oper und Drama” genannt. Seine umfangreiche Bibliothek (zu besichtigen im Wagner Museum Bayreuth) diente nicht der Dekoration, sondern war eine Arbeitsbibliothek. Antike Literatur, Dante, Platon, deutsche Sagen wurden häufig gelesen. Nicht “nur” die Kompositionen, sämtliche Libretti verfasste der Meister selbst.

Aus den Tagebuchaufzeichnungen seiner Gattin Cosima wissen wir, dass das Ehepaar am Abend natürlich nicht “vor der Glotze” hing, sondern häufig gemeinsam las. “Wie wir zu weit sind, lesen wir Hamlet, immer mit gesteigertem Staunen, Ergriffenheit, ja Erschütterung des gesamten Wesens.”(2)

Und auch folgenden persönlichen Gedanken möchten wir aus diesem Vortrag mitnehmen, wir klagen niemand an und richten dies in gleichem Maße an uns selbst: Vielleicht wäre die zunehmende Verrohung im Umgang der Menschen miteinander durch eine intensive Beschäftigung mit dem Reichtum unserer Kunst- und Kulturschätze ins Bessere zu wenden.

Schlußwort:

Peter Sloterdijik formulierte 2012 im “Philosophischen Quartet” : “Rüdiger Safranski hat seit mehreren Jahren sein Fernsehgerät abgeschafft. Er gehört zu den Zeitgenossen die allen Ernstes begriffen haben, dass Lebenszeit kostbar ist. Und er hält das mit Fernsehen nicht für verträglich."

 

Quellenangabe Zitate: (1): Schopenhauer "Die Welt als Wille und Vorstellung" (Band 2 / Über das innere Wesen der Kunst) (2) Cosima Wagner "Die Tagebücher" Band II