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Worte und Begriffe

Schon gut! Nur muß man sich nicht allzu ängstlich quälen

Denn eben wo Begriffe fehlen,

Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.

Mit Worten läßt sich trefflich streiten,

Mit Worten ein System bereiten,

An Worte läßt sich trefflich glauben,

Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben.

Mephistopheles in "Faust, der Tragödie erster Teil" , J.W. Goethe

 Faust und Mephisto vor Auerbachs Keller in Leipzig.

Faust und Mephisto vor Auerbachs Keller in Leipzig.

Die Sprache ist ein Instrument des Denkens und formt Vorstellungen von unserer Welt und Wirklichkeit, transportiert und beeinflusst Gefühlszustände. Bekanntermaßen kann der Gebrauch von Euphemismen zur Beschönigung von Sachverhalten dienen. Wenn kulturelle Gepflogenheiten dies erfordern, ist eine gehobene Wortwahl als  Ausdruck des Respektes oder der Höflichkeit durchaus zu begrüßen. Leider jedoch bieten Worte auch ein Arsenal zur Verhüllung und Verschleierung von Begriffen.

Goethe ließ bereits die Figur des Mephistopheles in dem oben genannten Vers trefflich auf den Unterschied zwischen Wort und Begriff deuten. Der Begriff, also der Bedeutungsinhalt und das hierfür verwendete Wort sind nicht notwendigerweise identisch.

Ich darf zur Verdeutlichung einige geläufige Euphemismen aus dem Alltagsgebrauch anführen:

Raumpflegerin - Putzfrau

Fachkraft für Schutz und Sicherheit - Pförtner

heimgehen  - sterben

Schon bedenklicher wird es, wenn mit Worten Meinungsbildung oder Beeinflussung beabsichtigt wird:

Die Bereinigung des Preisgefüges auf Verbraucherebene - alles wird teuerer

Das drittbeste Ergebnis - das schlechteste bisher

Kollateralschaden - zivile Opfer

Evakuierung - Vertreibung

 

So stellte Goethe ebenfalls fest:

Der Sprache liegt zwar die Verstandes- und Vernunftsfähigkeit des Menschen zum Grunde, aber sie setzt bei dem, der sich ihrer bedient, nicht eben reinen Verstand, ausgebildete Vernunft, redlichen Willen voraus. Sie ist ein Werkzeug, zweckmäßig und willkürlich zu gebrauchen; man kann sie ebensogut zu einer spitzfindig-verwirrenden Dialektik wie zu einer verworren-verdüsternden Mysik verwenden.
— J.W. Goethe, Maximen und Reflexionen

So gilt es  in Kenntnis dieser Mechanismen besonders scharf zu beobachten, welcher "Prophet unserer Tage" uns seinen Prägestempel aufdrücken möchte - oder uns gar zum willenlosen Instrument seiner Machtinteressen zu versklaven beabsichtigt.