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Unsere Beiträge haben nie den Zweck, “verdeckte Andeutungen” oder “Fingerzeige” auf andere Personen oder Ereignisse zu sein. Wir respektieren andere Lebensmodelle, sofern sie niemandem schaden. Sie sind vielmehr der Versuch, Interesse für die großen Denker der vergangenen Jahrhunderte zu wecken. Besonders faszinierend empfinde ich das oft immer gleiche Verhalten des Menschen, die daraus entspringenden Folgen und die Frage: was können wir heute daraus lernen ?

So möchte ich heute den Blick auf den großen Aufklärer Immanuel Kant lenken. 1724 in Königsberg geboren, verbrachte er dort sein ganzes Leben. Sein kritischer Denkansatz “sapere aude” - habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen” scheint bestürzend aktuell.

In seiner 1784 erschienenen Schrift “Beantwortung der Frage-Was ist aufklärung?” beschreibt er "Unmündigkeit als Unvermögen, sich seines eigenen Verstandes ohne fremde Leitung zu bedienen”. Einzigartig ist sein Bild vom “Gängelwagen” und dem darin gehaltenen “Hausvieh":

"Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen,(…) dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Daß der bei weitem größte Teil der Menschen den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperrten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen droht, wenn sie es versuchen allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, denn sie würden durch einigemal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern und schreckt gemeinhin von allen ferneren Versuchen ab.”

Kants Essay ist, ich wiederhole dies bewusst, im Jahre 1784 erschienen. Ein Gängelwagen war ein Gestell, in dem Kinder laufen lernten. Gibt es heute auch Strukturen, Organisationen und Firmen, die ihre Anhänger, Mitglieder, Angestellten usw. möglicherweise ebenso unmündig und lenkbar halten möchten ?

 

Quelle Zitat: 

Kant, Immanuel: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift, 1784, H. 12, S. 481-494.