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Moralisches Handeln und Mitleidsethik

Es ist nicht Zweck dieses Aufsatzes, mit dem Finger auf andere zu zeigen oder gar mit erhobenem Zeigefinger zu Gericht zu sitzen. Ein jeder hüte sich vor Selbstgerechtigkeit, die auf den Splitter im Auge des nächsten weisst und geneigt ist, den Balken im eigenen zu übersehen.

Vielmehr möchten wir anhand der Mitleidsethik Schopenhauers einen deutlichen Kontrapunkt zu dem Besorgnis errregenden Werteverfall unserer Zeit setzen und gleichzeitig dem eigenen Handeln strenge Maßstäbe vorgeben. So stellt auch Schopenhauer fest, dass wir ohne fest gefasste Grundsätze den antimoralischen Triebfedern (Egoismus und Bosheit) unwiderstehlich preisgegeben wären.

Die ethische Bedeutung menschlichen Handelns und das Fundament der Moralität, einfach ausgedrückt die Frage, "was soll ich tun” (Kant)  bewegt seit jeher den Menschen. Diese Frage stellte im Jahre 1840 die Königlich Dänische Sozietät der Wissenschaften zu Kopenhagen, mit der Aufgabenstellung, die Quelle und Grundlage der Moral zu suchen.

Eine messerscharfe Analyse dieses Problems lieferte darauf hin Arthur Schopenhauer mit seiner “Preisschrift über die Grundlage der Moral"

Die zu seinen Lebzeiten vorherrschende Vorstellung von den Grundlagen der Moral fußt auf die Ethik Emmanuel Kants. Schopenhauer kritisiert die hier verwendeten Begriffe des Gebotes und des Sollens, also deren Ursprung in der theologischen Moral. Demnach wäre ein Verhalten in Bezug auf angedrohte Strafe oder verheißene Belohnung lediglich rein egoistischer Natur. Zudem hielte die Moral großer Religionen kaum vor grausamen Verbrechen ab, seien es Taten der Inquisition im Mittelalter bis hin zu Selbstmordanschlägen unserer Tage.

So ist höchste Vorsicht  gemeinhin bei Organisationen jeglicher Art zu empfehlen, die einen Moralkodex als Mittel zu Manipulation und zum Machtmissbrauch verwenden.

Moralisches, ehrliches Handeln in zwischenmenschlichen Beziehungen scheint ebenso vermehrt im Schwinden begriffen. Ein Kaufmannsehre, die eine funktionierende geschäftliche Beziehung auf Treu und Glauben gründet, mag für die Partner so selten wie der Fund eines vierblättrigen Kleeblattes sein. Wie Hamlet schon zu recht sagte.: "To be honest, as this world goes, is to be one man pick’d out of ten thousand."

Im Abschnitt "Kriterium der Handlungen von moralischem Wert" beschreibt Schopenhauer Grundsätze, anderen ihr Recht widerfahren zu lassen: "niemandem absichtlich zu nahe treten, nicht unbedingt nur den eigenen Vorteil suchen sondern dabei die Rechte anderer berücksichtigen, bei gegenseitig übernommenen Verpflichtungen nicht bloß darüber wachen, dass der andere das seinige Leiste, sondern auch darüber, dass er das seinige empfange, indem sie aufrichtig nicht wollen, dass wer mit ihnen handelt, zu kurz komme."

Was sei es nun, das den Menschen zu Handlungen der vorgenannten Art bewegen könne ?

Ein Mitleid, welches das fremde Wohl will. Diese Form des Mitleides wird das edle Gemüt davor abhalten, fremdes Leiden als Mittel zu gebrauchen, um seine Zwecke zu erreichen. Also "ein für allemal den festen Vorsatz zu fassen die Rechte eines jeden zu achten und nicht die Ursache fremden Leidens zu sein. (..)Folglich werde ich dann weder das Eigentum noch die Person selbst angreifen, ebenso wenig auf geistigem Wege Schmerz bereiten durch Kränkung, Ängstigung, Ärger oder Verleumdung.” oder Befriedigung meiner Lüste auf Kosten des Lebensglückes anderer

Dergestalt entspringt aus dem ersten Grade des Mitleids die Maxime "neminem laede - schade niemandem". Dies ist laut Schopenhauer der Grundsatz der Gerechtigkeit.

So sind nun alle drei der von Schopenhauer klassifizierten Grundtriebfedern - , also  Egoismus, Bosheit, Mitleid -.im jedem Menschen vorhanden und äußern sich je nach dem Grade der Ausprägung. 

Die drei ethischen Gruntriebfedern des Menschen, Egoismus, Bosheit, Mitleid, sind in jedem in einem andern und unglaublich verschiedenen Verhältnisse vorhanden. Je nachdem dieses ist, werden die Motive auf ihn wirken und die Handlungen ausfallen

Schopenhauer stellt eindrucksvoll fest: 

"Hingegen besteht die  Güte des Herzens in einem tief gefühlten, universellen Mitleid mit allem was Leben hat, zunächst aber mit dem Menschen… Die Güte des Charakters wird demnach zunächst abhalten vor jeder Verletzung des anderen, worin es auch sei, sodann aber auch zur Hilfe auffordern, wo immer ein fremdes Leid sich darbietet."

Und so bleibt dieAnstrengung, nach Kräften zur Anwendung der vorgestellten Grundsätze zu streben. Dies heißt aber im Umkehrschluss, dass wir von unseren Partnerschaften, privat wie beruflich, die Einhaltung derselben Werte erwarten.

Bei möglichst nüchterner Bewertung des Zustandes unserer Gesellschaft dürfen wir zur ebenfalls von Schopenhauer trefflich verfassten drastischen, bildhaften Beschreibung der  von uns künftig im übertragenen Sinne angewendeten,  angemessenen Präventivmaßregeln greifen:

"Dem vorausgesetzt bösen Willen anderer….meine Gartenmauer mit scharfen Spitzen zu verwahren, Nachts auf meinem Hofe böse Hunde loszulassen, ja nach Umständen selbst Fußangeln und Selbstschüsse zu stellen, deren schlimme Folgen der Eindringling sich selber zuzuschreiben hat."

Ebenfalls eine möglichst realistische Weltsicht finden wir abschließend in folgender Feststellung Schopenhauers ausgedrückt: "Im allgemeinen haben die Weisen aller Zeiten immer dasselbe gesagt, und die Toren, d.h. die unermessliche Majorität aller Zeiten, haben immer dasselbe, nämlich das Gegenteil, getan: und so wird es denn auch ferner bleiben."

Darum sagt V o l t a i r e: nous laisserons ce monde-ci aussi sot et aussi méchant que nous l´avons trouvé en y arrivant. [Wir verlassen diese Welt so töricht und so böse, wie wir sie bei der Ankunft vorgefunden haben.]

Quelle Zitate:

Schopenhauer, Arthur : Über die Freiheit des menschlichen Willens. Über die Grundlage der Moral. Kleinere Schriften II.
1. Aufl. Zürich: Diogenes, 1977