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Max Frisch - Der Dokumentarfilm "Citoyen"

Warum schreibe ich? Um die Welt zu ertragen.
— Max Frisch
 Bild: Max Frisch ca. 1974. Quelle: Comet Photo AG Zürich. This file is licensed under the  Creative Commons   Attribution-Share Alike 4.0 International  license. Linkt to source:  http://doi.org/10.3932/ethz-a-000654914

Bild: Max Frisch ca. 1974. Quelle: Comet Photo AG Zürich. This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license. Linkt to source: http://doi.org/10.3932/ethz-a-000654914

Meine erste Berührung mit Max Frisch fand vor etwa 30 Jahren in Form der Schullektüre "Biedermann und Brandstifter" statt. Lange lag das Buch vergessen im Regal, und vielleicht mussten so viele Jahre vergehen, vielleicht musste ich selbst viel sehen und erleben, um dieses Werk in seiner Tiefe zu erfassen.

Der Zufall fügte es nun, dass mir bei einem Bibliotheksbesuch der Film “Citoyen" in die Hände viel. Dieses berührende Frisch-Portrait und zugleich Stück Zeitgeschichte möchte ich gerne empfehlen, da so vieles auf heutige Verhältnisse zu passen scheint und sich die Geschichte augenscheinlich in ewig gleichen Variationen wiederholt.

Schon zu Beginn des Filmes ergreift der große Politiker Helmut Schmidt das Wort, und das Adjektiv "groß" verwende ich höchst selten bei einem Politiker. Er hebt die Notwendigkeit von Intellektuellen für eine Gesellschaft auf der Suche nach Wahrheit und einem eigenen Urteil hervor, so pflegte er regen Kontakt zu den Denkern jener Zeit, neben Max Frisch auch zu Günter Grass und Heinrich Böll. 1977 traf sich Schmidt mit dem Schriftsteller einen Tag vor der Erstürmung der von RAF-Terroristen entführten Maschine "Landshut".

Die mit Originalaufnahmen dokumentierte Zeitreise führt uns von Züricher Jugendtagen über schwere Kriegsjahre. 1948 trifft Frisch sich mit Berthold Brecht, später wird er ihn als den "Größten, dem ich begegnet bin" bezeichnen.

 "Frisch spricht der Nation ins politische Gewissen” formuliert Günter Grass. Er tut dies 1966, als viele Fremdarbeiter in die Schweiz kommen, 1967 anlässlich von Jugendprotesten, er trifft sich mit Henry Kissinger zu Gesprächen bei Ausbruch des Vietnamkrieges.

Der Krieg geht uns in höchstem Maße an, gerade auch wenn er uns verschont.....unser Glück ist ein scheinbares; wir sind nicht imstande, es wirklich zu genießen inmitten eines Leichenfeldes, am Rande einer Folterkammer, wir hören die Schreie, aber wir sind es nicht selber, die schreien, wir selber bleiben ohne Tiefe des erlittenen Leides, aber dem Leiden zu nahe, um lachen zu können...
— Max Frisch

Auch wird in der Dokumentation ein pikantes Detail nicht verschwiegen: dem Schweizer Staatsschutz war wohl die öffentliche Teilnahme des Schriftstellers am Zeitgeschehen so verdächtig, dass er jahrelang beobachtet und eine "Geheimakte Frisch" angelegt wurde....

Am 4. April 1991 ist Max Frisch in Zürich verstorben. Wenn wir nun heute, 27 Jahre später, auf Kriege in nächster Nähe und auf politische Um- und Zustände blicken, erscheint die Lernfähigkeit des Menschen höchst begrenzt.

Das Schlußwort möchte ich Max Frisch überlassen, obwohl dieses Interview schon viele Jahre her ist, könnte es gestern gewesen sein:

Wir kommen wieder in eine Wettergegend, wo der Intellektuelle verpönt ist...er ist nicht einer, der gescheiter ist als die anderen, diese Arroganz fällt aus..er will die Wahrheit wissen. Der Politiker muss das liefern, was die Industrie möchte..es geht primär um den Erhalt von Privilegien, die Wahrung von Interessen, die Unterdrückung von Wahrheit...
— Max Frisch

Quelle Zitate: Film "Citoyen", Suhrkamp 2009