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Analyse vom Akzeptieren

"Man muss den anderen so akzeptieren wie er ist.” Eine Analyse und scharfe Kritik.

Leibniz bemerkte schon ehedem: "Kraft des Satzes vom zureichenden Grunde nehmen wir an, dass keine Tatsache wahr oder wirklich, kein Urteil richtig sein kann ohne ausreichenden Grund dafür.”

Die große Gefahr in der Demagogie besteht darin, dass ich mit abstrakten Begriffen umherwerfe, damit vermeintlich allgemein gültige Regeln aufstelle und so Menschen zu meinen Interessen beinflussen kann - und gemeinhin geben solche Aussprüche an der "leeren Höhlung von tausend Dummköpfen ein nachhallendes und sich fortpflanzendes Echo.” (Schopenhauer)

Wo immer also mit der Miene eines begeisterten Schafes bestimmte Postulate aufgestellt werden, sollten wir diese einer strengen Prüfung unterziehen. Ich wähle als Beispiel eine Aussage, die ich auf den unterschiedlichsten Bühnen des Lebens sehr häufig zu hören bekam:

"Man muss den anderen so akzeptieren wie er ist."

Der ist halt so - bzw. du weißt doch wie er ist, du kennst ihn doch. Manches mal wird dies sogar noch in einem Ton der Bewunderung ausgesprochen, als ob man gar selbst gerne so wäre, ja insgeheim die z.B widerwärtigen Eigenschaften bewundert, worunter andere  leiden…gerne wird noch hinzugesetzt:…”er/sie meint es gar nicht so…..” oder  “er hat Ecken und Kanten”, was oft gleichbedeutend ist mit “er führt sich auf wie die Axt im Wald.”

 Zurück zu unserer Analyse:

Abstrakte Begriffe haben eine sehr weite Sphäre und keinen ihnen eigenen Erkenntnisgrund: Beginnen wir mit “man” und “andere”:

Wer ist man ? Und wer ist der andere ? Bin es ich oder du? Ist es jedermann ? Sind es die Leute, die Gesellschaft, die Öffentlichkeit, die Menschheit ?

Wenn ich nun aber abstrakte Begriffe mit einem Imperativ verbinde und daraus eine Regel ableite, kann sich dies schnell allgemeingültig bzw. vernünftig anhören:

Untersuchen wir den Imperativ “muss”:
Muss:  einem von außen kommenden Zwang zur Folge?  nach welcher Regel, nach welchem Gebot oder Gesetz ? Aufgrund innerer Verpflichtung ? Schwingt eine Drohung mit ? (Du musst, sonst….) Was passiert, wenn ich nicht möchte ? Wer kontrolliert das ? Wer sagt das ? Wer befiehlt?

Und weiter: 

Was muss ich tun, um den anderen so zu akzeptieren wie er ist ?
Muss ich mir dann alles von ihm gefallen lassen?
Muss ich die andere Wange hinhalten?
Muss sich eine Frau begrapschen lassen, weil “Männer halt so sind” ?
Muss ein Messdiener die Zudringlichkeiten oder Gewaltausbrüche von seiner Scheinheiligkeit akzeptieren, nur weil es diesen “halt auch mal überkommt?"
Muss sich ein Kind in der Schule alles von einem selbstbewussten Kamerad gefallen lassen, muss es sich nach Herzenslust quälen lassen, weil dieser andere halt so ist und seine Natur ausleben muss?
Muss ich mich vom Arbeitskollegen ausnutzen lassen, weil er halt gerne ein wenig faul ist? 
Muss ich mich vom Chef schikanieren und von Kollegen mobben lassen, weil Menschen halt so sind?
Muss ich mich vom anderen herabsetzen lassen, damit die Person sein Ego befriedigen kann, weil sie “halt ist wie sie ist”?
Muss ich ideologische Bekehrungsversuche, religiös oder politisch, akzeptieren ?
Muss ich andere akzeptieren, die mich nicht akzeptieren?
Muss ich mir stundenlanges Hetzen gegen andere von anderen, die ja gerade selbst fordern, den anderen zu akzeptieren, anhören?
Muss ich mich in Gesellschaften begeben, wo man andere akzeptieren muss?

Wie eingangs erwähnt steht dieses Beispiel stellvertretend für viele Postulate, wie sie gerne eben als allgemeingültig formuliert werden, sei es in der Politik, am Arbeitsplatz oder im Privatleben. Hier gilt es genau hinzusehen, ob  nicht bloß Motive untergeschoben werden sollen, um das Handeln einem fremden Willen gemäß zu manipulieren. Muss sich nun die böse Welt exklusiv für mich ändern ? Keineswegs. Aber ich darf mich, wo irgend möglich, von einem jeglichen Pack fernhalten.

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